Andreas [FranzXaver] Süß.

.Orte

Foto: St. Märgen, © Andreas [FranzXaver] Süß
.St. Märgen  → Beten und Heilen. In engen Kurven schlängelt sich die Bundesstraße hinauf in den Hochschwarzwald. Auf 895 Meter über NormalhöhenNull liegt in einer leichten Senke am Berghang St. Märgen. Normalerweise sieht man die gedrungenen Zwiebeltürme der Kirche schon von Weitem – im Herbst allerdings hängen die Regenwolken oft tief und geben nur hin und wieder den Blick frei auf den Marien-Wallfahrtsort. Das Kloster spielte natürlich die Hauptrolle in der jetzt 900-jährigen Geschichte der Gemeinde – heute ist die barocke Klosterkirche und das Museum immer noch Anlauf- und Ausgangspunkt vieler Touristen, doch auch die Natur des Hochschwarzwaldes erfreut sich immer größerer Beliebtheit, egal ob im Sommer oder Winter. Und so darf sich St. Märgen seit einiger Zeit offiziell 'heilklimatischer Kurort' nennen, ein Gütesiegel für Kurorte, deren Klima sich positiv auf die Gesundheit auswirkt – egal ob bei Sonne, Regen oder Schnee. [47_2018]
Foto: Stadion an der Grünwalder Straße, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße  → Sonntag Mittag: Nieselregen, gerade mal zehn Grad. Schon eine Stunde vor Anpfiff parken die Reisebusse Stoßstange an Stoßstange hinauf zum Stadion. Mit Leberkässemmeln und Flaschenbier bereiten sich die Löwenfans auf das heutige Spiel vor. Das Stadion schon lange ausverkauft – lediglich vorm Eingang werden noch einige Restkarten auf dem Schwarzmarkt angeboten: zehn Euro für einen Stehplatz in der Fankurve – dritte Liga, eben. Die Sechziger beginnen fulminat und schon bald wird das Schild mit der Null gegen eine Eins bei '1860' auf manuellen Anzeigentafel ausgetauscht. Trotz der Fangesänge verflacht das Spiel mit zunehmender Dauer. Mit dem traditionellen `Sechzger Marsch' versuchen die Blauen in der sechzigsten Minute ihre Mannschaft Schal-schwenkend nach vorne zu peitschen …. Nach einem nicht gerade berauschenden Fußballspiel im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße trennen sich der TSV 1860 München und SG Sonnenhof Großaspach zwei zu zwei unentschieden – Einmal Löwe, immer Löwe. [45_2018]
Foto: Europäische Zentralbank, © Andreas [FranzXaver] Süß
.EZB  → Welche Aufgaben hat die Europäische Zentralbank? Wer hat diese formuliert und wo sind sie gesetzlich verankert? Ist die EZB unabhängig oder trifft das Europäische Parlament die Entscheidungen? Wieviele Mitarbeiter*innen arbeiten bei der Europäischen Zentralbank? Kommen diese aus ganz Europa? Wie setzt sich die Bank zusammen? Wer wählt den Präsidenten? Seit wann existiert die EZB? Wie ist das Verhältnis zur Deutschen Bundesbank und den anderen Zentralbanken der EU–Mitgliedsstaaten? War sie schon immer in Frankfurt am Main? Wer hat das Gebäude am Mainufer gebaut? Hat das Architekturkonzept mit den Aufgaben der EZB zu tun? Wie ist es in den städtebaulichen Kontext integriert? Wann wurde es fertiggestellt? Welcher Baustil ist es? Wie hoch sind die beiden Türme? Warum wurde das Gebäude der Großmarkthalle in der Mitte durchgeschnitten? Ist die Europäische Zentralbank für die Öffentlichkeit zugänglich? [42_2018]
Foto: Nabburg, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Nabburg  → Das Porträtfoto auf dem Plakat zeigt einen etwa 50-jährigen Mann im Trachtenanzug vor hellem Hintergrund, freundlich lächelnd, die grauen Haare ordentlich zum Seitenscheitel gezogen. Darunter, auf blauem Rautenmuster der Name des Kandidaten sowie der Text 'Für uns in den Landtag' und das Logo der Christlich Sozialen Union. Oben links in weisser Schrift auf grünem Untergrund: 'Landtagswahl 14. Oktober'. Bei der letzten bayerischen Wahlen vor fünf Jahren verfehlte Alexander Flierl mit seiner Partei in Nabburg nur knapp die absolute Mehrheit, mit großem Abstand gefolgt von der Sozialdemokratischen Partei Deutschland und den Freien Wählern. Die aktuellen Prognosen für die mit Spannung erwartete Abstimmung im Herbst sagen eine komplette Neuordnung der politischen Verhältnisse im Freistaat voraus. Ob das auch für die 6.000 Einwohner zählende Oberpfälzer Stadt gilt, wird sich zeigen – vielleicht ist das Wahlplakat überzeugender als manche Umfrage. [40_2018]
Foto: Marienkirche, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Marienkirche  → Ein abgegriffenes Schullineal aus Holz markiert den augenblicklichen Stand auf Seite 205 des aufgeschlagenen Buches: "Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen; …" Unter dem Motto 'Von der Hand ins Herz' werden die Besucher der Marienkirche dazu aufgefordert, einen oder mehrere Verse handschriftlich in ein eigenes Buch zu übertragen und an der Entstehung einer handgeschriebenen Bibel für Ueckermünde mit zu wirken. Das euphorisch formulierte Ziel, zum 250. Geburtstag des Gotteshauses vor zwei Jahren das Alte Testament vollständig übertragen zu haben, ist weit verfehlt – trotzdem bleibt der kleine Tisch auf am linken Rand der Saalkirche aus dem 18. Jahrhundert weithin stehen. Gerade legt eine Besucherin den an einem Band befestigten Kugelschreiber aus der Hand: 'Fünftes Buch Mose, Kapitel 16, Vers 19' ist ihr Beitrag für die Ueckermünder Bibel. [37_2018]
Foto: Waldbühne, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Waldbühne  → "Wir sind die Jungs von der Opel-Gang, wie haben alle abgehängt" – mit diesem Song wurde im Juni diesen Jahres die OpenAir-Saison eröffnet. Mehr als 20.000 Fans bejubelten dort 'Die Toten Hosen' in der ausverkauften Freilichtbühne im Westen Berlins. Errichtet wurde die Arena in den 1930er Jahren hauptsächlich für das Rahmenprogramm der Olympischen Spiele in einem natürlichen Talkessel am Murellenberg nach dem Vorbild des antiken griechischen Theaters in Epidauros. Die aufsteigenden Sitzränge, der steile Gegenhang und die Einbettung in die Umgebung führen zu einer einzigartigen Akustik, die von Rock- und Popbands wie auch von klassischen Orchestern hoch geschätzt wird: Iron Maiden, Die Berliner Philharmoniker, Depeche Mode und Andrea Bocelli waren in diesem Sommer schon zu Gast in der Waldbühne – bis zum Saisonende mit dem tradionellen 'Taschenlampenkonzert' von Rumpelstil werden rund eine halbe Million Musikfreunde ihre Idole hier live erlebt haben … [34_2018]
Foto: Gundelshausen, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Gundelshausen  → Wasser, Gerste, Hopfen und sonst – nichts! 500 Jahre früher und keine dreißig Kilometer entfernt wurde in Ingolstadt von Wilhelm dem Vierten und Ludwig dem Zehnten das Bayerische Reinheitsgebot verkündet: Ursache waren nicht nur vermehrte Klagen über schlechtes Bier; mit der Verordnung sollte auch die damalige Lebensmittelversorgung gesichert und Weizen und Roggen den Bäckern vorbehalten bleiben. Heute ist das 'Bayerische Bier' eine EU-geschützte Bezeichnung und neben Champagner, Parmaschinken und Südtiroler Speck Teil des kulinarischen Erbes Europas. Die 'Seele des Bieres', wie die Braumeister einstimmig bekunden, ist der Hopfen und der stammt natürlich aus der Hallertau, dem größten Anbaugebiet der Welt. Das Dorf Gundelshausen liegt in der Mitte der Region, umgeben von weithin sichtbaren Hopfenfeldern, auf denen im September Sorten wie der Hallertauer Mittelfrüh, der Hallertauer Magnum und der Hallertauer Herkules gepflückt werden. [30_2018]
Foto: Konrad Adenauer Haus, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Konrad Adenauer Haus  → halb zehn: Fotografen, Kamerateams und Journalisten warten vor dem Gebäude _ ein Pizzabote verkauft aus einer Warmhaltebox Pizzabrötchen _ Fernsehanstalten testen Licht und Ton, erste Berichte werden aufgenommen _ ein Kameraassistent liest John le Carrés 'Agent in eigener Sache', ausgeliehen in einer Berliner Bibliothek _ verzweifelt sucht ein Journalist Passant*innen für ein Straßeninterview _ kurzer Jubel über den Siegtreffer der Belgier gegen Japan bei der WM vor einem kleinen Kontrollmonitor _ warten mit Kaffeepappbechern und Plastikwasserflaschen _ kurz nach zehn: der Bundesinnenminister verlässt in Begleitung seiner Mitarbeiter das Konrad Adenauer Haus und gibt Interviews _ gefolgt von der Hauptstadtpresse und unter Blitzlichtgewitter steigt er in seine Limousine _ ein Generalsekretär posiert mit Bürger*innen lachend für Selfies _ kurz vor halb elf: während im Foyer die Pressekonferenz der Kanzlerin vorbereitet wird, packen Assistent*innen vor dem Haus das Equipment [27_2018]
Foto: Werlsee, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Werlsee  → plantschen, schwimmen, paddeln, tauchen, spielen … das Interesse an diesen und weiteren Aktivitäten im Wasser hält sich an diesem Nachmittag südöstlich Berlins noch etwas in Grenzen: liegt es am Wetter? an der Wassertemperatur von knapp achtzehn Grad? Die Wasserqualität des Badesees im Oder-Spree-Kreis ist sicherlich nicht der Grund: drei von drei Sternen und damit eine 'ausgezeichnete Badewasserqualität' erhielt das Gewässer bei der letzten Untersuchung durch das Gesundheitsamt. Während der Badesaison von Mitte Mai bis Mitte September werden zum Schutz vor Infektionskrankheiten regelmässig Wasserproben auf Kolibakterien und Enterokokken untersucht. Bleibt das Ergebnis unter den Grenzwerten so wird die Badestelle als 'mikrobiologisch nicht zu beanstanden' eingestuft. Und so werden die Badegästen auch weiterhin am und im Werlsee unbedemklich Spaß und Erholung finden. [26_2018]
Foto: Eisenhüttenstadt, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Eisenhüttenstadt  → Der Ural und Schlesien waren die Garanten für den Aufstieg. Die damaligen Bruderstaaten Sowjetunion und Polen lieferten seit Beginn Eisenerz und Koks für die Hochöfen im Eisenhüttenkombinat Ost, dem größten Stahlwerk der DDR. Für die Beschäftigten und ihren Familien wurde in den 1950er Jahren eigens die Planstadt Eisenhüttenstadt errichtet, eine typisch sozialistische Wohnstadt, die in der Zeit kurz vor Wende über 50.000 Menschen ein Zuhause bot. Jeder Dritte von ihnen arbeitete damals in der Stahlproduktion. Heute ist die Zahl der Angestellten auf 2.500 gesunken, das Schicksal des Hüttenwerkes liegt längst in der Hand eines weltweit agierenden Konzerns, der aber immer noch größter Arbeitgeber in der Stadt an der Oder ist. Daß dies so bleiben soll, zeigt ein Graffiti auf einem Stahlblock an der Hauptstraße: "Dieser Stahl ist hier gekocht. So wird es bleiben!" Und so denken sicherlich viele der mittlerweile rund 26.000 Einwohner*innen. [24_2018]
Foto: Prellerhaus, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Prellerhaus  → 'Achitektur ist kein komplex von Innenräumen und auch keine starre Hülle oder unveränderbare Raumsituation – vielmehr ist sie ein bewegliches Gebilde zur Meisterung des Lebens und organischer Bestandteil des Lebens.' So fasste der Künstler Lászlo Moholy-Nagy im Bauhausbuch Nummer vierzehn die Haltung der Hochschule zur Architektur zusammen. Dieser Leitidee folgend baute Louis Preller im Jahr 1926 das Ateliergebäude, in dem damals heute namhafte Architekt*innen, Graphiker*innen und Maler*innen wohnten und arbeiteten. Vielfach festgehalten ist die Fassade des 'Prellerhauses' auf berühmten Gemälden und Fotografien des 20. Jahrhunderts. Wer die Architektur–Auffassung des Bauhauses heute selbst überprüfen möchte, hat die Möglichkeit, in einem der siebzehn Einzel- und Doppelzimmern zu übernachten: Bett, Tisch, Stuhl, Waschbecken und Schrank – alles so wie damals, inklusive Etagen–WC uns Gemeinschaftsdusche. [21_2018]
Foto: Oranienstraße, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Oranienstraße  → Schon den ganzen Tag knistert die Luft: die Situation eskaliert dann in den Abendstunden als die Polizei mit Tränengas und unter Einsatz von Schlagstöcken das Fest zum 1. Mai in Kreuzberg auflöst – als Reaktion einzelner Übergriffe der Autonomen auf Polizei– und PrivatFahrzeugen in SO36. Die linke Szene errichtet daraufhin in und um die Oranienstraße Straßenbarrikaden, plündert Läden und setzt Geschäfte in Brand. Nachdem selbst die ausgerückte Berliner Feuerwehr mit Steinen angegriffen wird, zieht sich die Polizei aus dem Konfliktzentrum zurück und sperrt das Gebiet um das Kottbuser Tor weiträumig ab. Erst in den frühen Morgenstunden des 2. Mai starten Einsatzgruppen der Polizei einen Gegenangriff und beenden die schweren Ausschreitungen. Heute, über dreißig Jahre später verläuft das mittlerweile schon traditionelle Maifest am Mariannenplatz friedlich, an der Kreuzung Oranien– Ecke Adalbertstraße steht extra eine Leiter – zum Schießen von Selfies … [18_2018]
Foto: Norwegerstraße, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Norwegerstraße  → Einmal im Jahr erwacht die holprige Allee zwischen Prenzlauer Berg und Pankow aus ihrem Dornröschenschlaf. Wo sich sonst das Jahr über auf dem schmalen Streifen zwischen Bahngleisen und Strebergärten die Hunde tummeln und Fußgänger*innen mit Fahrradfahrer*innen streiten, verwandelt sich im April der kleine Weg am Ende der Norwegerstraße in ein rosafarbenes BlütenMeer. Menschen aus der ganzen Stadt strömen herbei, um sich vor, in und unter den Zweigen und Ästen der Kirschbäume zu fotografieren. Ein Hauch von Japan weht plötzlich über die Stadt. Gäste aus dem Land der aufgehenden Sonne feiern 'Hanami-Partys' und treffen sich zum Picknick unter den Blütendächern. Für sie ist die Zeit Kirschblüte der Höhepunkt im Kalender und kulturelles Symbol für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. In etwa zwei Wochen wird alles vorüber sein: die Kirschen verblüht und die kurze Strecke des Berliner Mauerwegs verfällt wieder in ihren Alltag aus Hundegebell und Fahrradklingeln. [17_2018]
Foto: Marienplatz, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Marienplatz  → Schon eine Viertelstunde vor Beginn wird es langsam voll: Touristen und Schaulustige drängen sich um die Mariensäule, den Blick erwartungsvoll nach oben gerichtet. Pünktlich mit dem Glockenschlag um elf Uhr beginnt in fünfundzwanzig Meter Höhe das Glockenspiel. Fünfundzwanzig Meter tiefer, auf den Bahnsteigen der UBahnlinien drei und sechs ist es nach der morgendlichen Rushhour um diese Uhrzeit etwas ruhiger geworden. Weit über 35.000 Passagiere nutzen heute in den Spitzenzeiten des Berufsverkehrs den UBahnhof Marienplatz. Bei der Eröffnung im Jahr 1972 stiegen dagegen nur knapp 6.000 Menschen am meist genutzten UBahnhof des Verkehrsverbundes ein, um oder aus. Und die Tendenz ist weiterhin steigend, wie die Entwicklungsprognosen der bayerischen Landeshauptstadt zeigen. Die Schäffler auf dem Rathausturm haben schon längst auf die steigende Nachfrage reagiert – in den Sommermonaten findet das Glockenspiel zusätzlich auch um 17Uhr statt. [15_2018]
Foto: Tegeler Fließ, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Tegeler Fließ  → Vierzig Kilogramm Grünfutter pro Tag, egal ob Gräser am Ufer oder Blätter von Sträuchern, ein sumpfig–feuchter Boden und einige Bäume zum Schutz vor großer Hitze – mehr brauchen sie nicht: Wasserbüffel sind genügsam. Und sehr sozial noch dazu. Die Tiere setzen sich ein für Schwache und sie fördern eine reiche Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren in ihrer näheren Umgebung – sie sind also ideal geeignet für die Pflege von außergewöhnlichen Landschaften wie das Tegeler Fließ im Norden der Hauptstadt. Im Rahmen eines groß angelegten Ökokonzeptes für die Überschwemmungslandschaft aus der Eiszeit siedelte man hier im Sommer 2015 zehn Wasserbüffel an und erhoffte sich schnell eine spürbare Verbesserung für Flora und Fauna. Doch durch falsche Pflege wurde aus dem fließenden bald ein stehendes Gewässer und das Naturschutzgebiet für die Büffel nicht mehr zumutbar. Aktuell sind die Tiere in ihrem Winterquartier, doch ob sie jemals wieder zurückkehren in den Norden Berlins steht in den Sternen. [12_2018]
Foto: Urbanhafen, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Urbanhafen  → Der Plan war gut: ein Netz von Wasserkanälen zur Versorgung der wachsenden Stadt mit Waren und Gütern, dazu dezentrale Binnenhäfen als Umschlagplatz mit Lagerhäusern und Speichergebäuden. So entstand in den 1890er Jahren durch Verbreitung des Landwehrkanals der Urbanhafen im heutigen Kreuzberg. Doch schon bald aber war auch dieser Hafen zu klein und er verlor mit Bau der beiden neuen Häfen im Osten und Westen schnell an Bedeutung. Mit der Schließung in den 1960er Jahren wurde das Hafenbecken aufgeschüttet und eine breite Uferpromenade angelegt. Heute wird der Landwehrkanal, wie auch der frühere Hafenbereich ausschließlich für Freizeitaktivitäten genutzt und erfreut sich ganzjährig bei allen Einwohner*innen großer Beliebtheit – doch wer weiß, vielleicht werden die Berliner Wasserstraßen im Zuge eines zukünftigen Mobilitätskonzepts für die Hauptstadt neu entdeckt: Ideen dazu liegen sicherlich schon in einigen Schubladen … [09_2018]
Foto: Tölzer Hütte, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Tölzer Hütte  → Dichte Schneefälle bis in die Tallagen und Temperaturen um den Gefrierpunkt kündet die Vorhersage für den heutigen Tag an – und das Wetter hält, was es verspricht: Nasse schwere Flocken hüllen den Parkplatz an der Talstation schon in ein vorsichtiges Weiß. Oben auf 1.600 Meter ist der Schneefall zu dicht, daß man teillweise kaum zehn Meter weit sieht. Innerhalb weniger Stunden hat sich eine fünfundzwanzig Zentimeter hohe Neuschneedecke gebildet, entstanden aus unzähligen einzelnen Schneeflocken, die jede für sich einzigartigartig ist. Nur wenige Skifahrer*innen sind es, die an diesem frühen Nachmittag ihre Spuren durch den frischen samtenen Pulverschnee ziehen. Etliche Abfahrten später ist Zeit für eine kräftige Brotzeit auf der Tölzer Hütte: Ein schöner Platz am Fenster ist heute leicht gefunden und Hubert Walther, der Hüttenwirt, serviert prompt die heisse Speckknödelsuppe. Draußen hat es aufgehört zu schneien, die Lifte haben schon Ihren Betrieb eingestellt und es wird Zeit für die letzte Abfahrt ins Tal. [06_2018]
Foto: Deutschbaselitz, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Deutschbaselitz  → Nein, die ganze Welt hat Georg Baselitz nicht auf den Kopf gestellt – die Kunstwelt der 1960er Jahre allerdings schon: schroff, expressiv, provokant und durch die Hängung seiner Werke mit einer Drehung um 180º Grad verändert er radikal die bis dahin geltenden Sehgewohnheiten. Die auf dem Kopf stehenden Arbeiten konzentrieren den Blick auf die Organisation von Form, Farbe und Struktur und werden 'gegenständlich abstrakt'. Der Provokation und Unangepassheit ist sich Baselitz in all seinen Schaffensphasen immer treu geblieben und er gehört heute zu den weltweit bedeutensten zeitgenössischen Künstlern. Geboren wurde der Maler, Bildhauer und Graphiker vor achtzig Jahren als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz, einem 500 Einwohner zählenden Dorf in der Oberlausitz, das er nach dem Abitur Richtung Berlin verließ. Nach Stationen in Rheinland Pfalz, Niedersachsen und Bayern lebt Georg Baselitz heute in Salzburg – zu seinem Geburtsort zeigt er durch die Wahl seines Künstlernames eine besondere Verbundenheit. [04_2018]
Foto: Darßer Ort, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Darßer Ort  → Zwei und vier Blitze alle 22 Sekunden – jede*r fachkundige Seefahrer*in weiß selbstverständlich sofort die geografische Position – 54 Grad 28 Minuten nördlicher Breite und zwölf Grad 30 Minuten östlicher Breite: das Seefeuer Darßer Ort. Der Leuchtturm am nördlichsten Punkt der Halbinsel Fischland-Darß sendet seit 1849 seine Leuchtsignale aus und warnt vorbeifahrende Schiffe vor Sandbänken an der Küste und gefährlichen Steinriffen vor Gedser. Zu sehen ist das Leuchtfeuer des 35 Meter hohen Turmes aus roten Mauerziegel noch aus einer Entfernung von 20 Seemeilen, etwa 37 Kilometern. Im dazugehörigen Haus nebenan wohnte die Familie des Leuchtfeuerwärters – der letzte verließ seinen Posten 1978; seitdem wird der Leuchtturm im heutigen Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Stralsund überwacht. Und fährt man die Küste weiter Richtung Osten, so erkennt das geschulte Auge bald einen kurzen Blitz mit neun Sekunden Dunkelheit: die Kennung des Leuchtfeuers Dornbusch auf Hiddensee. [02_2018]
Foto: Gleimviertel, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Gleimviertel  → Vor drei Jahren war seine Welt noch in Ordnung: ein guter Job in der Elektrobranche, schöne Wohnung, Freunde. Plötzlich ging alles recht schnell. Die Firma meldete Insolvenz und er verlor seinen Job. Die anfängliche Zuversicht, wieder etwas Neues zu finden wich bald der Resignation, ohne Arbeit da zu stehen. Was folgte waren Alkohol, Verschuldung und irgendwann musst er dann raus aus seiner Wohnung. Zuerst kam er immer wieder vorübergehend bei Bekannten unter, doch auch die Freunde wurden weniger und irgendwann fand er sich mit zwei Rollkoffern auf der Straße … so oder ähnlich erzählen sich viele Schicksale von Obdachlosen. Die Zahl der Menschen, die derzeit ohne festen Wohnsitz in Berlin leben liegt bei etwa sechstausend, Tendenz steigend. Viele wollen wieder zurück in ihr 'altes Leben', doch meist scheitern sie schon an der ersten großen Hürde: eine bezahlbare Wohnung. [52_2017]
Foto: Neubau U5, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Neubau U5  → "Nächster Halt: Museumsinsel" – rund drei Jahre wird es wohl noch dauern, bis sich bei dieser Ansage die Türen der Berliner U5 öffnen und die Lücke zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor im UBahn-Netz geschlossen ist. Der Bau der ersten Röhre vor mehr als vier Jahren wurde mit der Taufe des Tunnels auf den Namen 'Charlotte I' begonnen – nach alter Tradition auf den Vornamen der Tunnelpatin: Charlotte Hopf. Die Berliner Dombaumeisterin hat die Patenschaft übernommen und gilt während der Bauphase als irdische Vertreterin der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Wie auch schon die Jahre zuvor wurde am 4. Dezember, dem BarbaraTag, die Statue der Heiligen in der Marienkirche geweiht und anschließend in einer Prozession durch den Tunnel zu ihrem neuen Platz an der UBahn-Station Museumsinsel gebracht. Zum Abschluß sangen in der zukünftigen Ubahn-Röhre die Baubeteiligten das 'Steigerlied', bevor die Feier dann bei Gulaschsuppe und Glühwein in den geselligen Teil überging … [49_2017]
Foto: Plattenbau Magdeburg, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Neustädter See  → Frisch sanierte 3-Raum-Wohnung, 65 Quadratmeter, Balkon ab sofort zu vermieten: Kaltmiete 336 EUR plus 153 EUR Nebenkosten ergibt eine Gesamtmiete von 489 EUR. Die Wohnung befindet sich in der achten Etage eines Hauses in Magdeburg am Neustädter See, errichtet 1978 in Plattenbauweise. Als erwähnenswerte Merkmale für eine Anmietung werden unter anderem ein gefliestes Bad mit Dusche, Personenaufzug, Bodenbelag in Laminatoptik sowie Kabelanschluss inklusive TV-Grundversorgung genannt. Bei Vertrags­abschluß ist ein Anteil von 1.280 EUR an die Wohnungsbaugenossenschaft Magdeburg zu zahlen. Bedingt durch einen besonders hohen Leerstand an Plattenbauwohnungen von nahezu zehn Prozent, buhlen in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts die Immobilienanbieter geradezu um die Wohnungssuchenden. Die 'MWG' etwa schenkt einem Neumieter drei Monate der Kaltmiete bei Unterzeichnung eines Dauernutzungs­vertrages noch in diesem Jahr. [46_2017]
Foto: Altomünster, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Altomünster  → Der Markt im Landkreis Dachau zählte zum Jahresbeginn 8.152 Einwohner. Der Gemeinderat setzt sich aus zwanzig ehrenamtlichen Stadträten zusammen, zehn gehören der freien Wählergemeinschaft, neun der CSU und einer der SPD an. Bürgermeister seit 2014 ist Anton Kerle. Im Ort gibt es eine Gemeindebücherei (mit insgesamt mehr als 16.000 Bücher, Zeitschriften, Hörbücher und CDs), zwei Sportvereine (den Tennisverein und den Turn- und Sportverein Altomünster), einen Ortsverschönerungsverein und einen Reit- und Fahrverein. Einkaufen kann man in drei Bäckereien (Regnath, Scharold und Mair's Backstube), zwei Metzgereien (Alfons Baier und Georg Häuserer), einem Obst- und Gemüseladen (Katrin Rabl-Wittke), einem Kaufhaus (Schwarz + Lesti), einem Farbenfachhandel (Topi's Farben), und, und, und … Über die Anzahl der Haustiere (Hunde, Katzen, Vögel) und Nutztiere (Kühe, Schweine, Gänse) findet man keine Angaben. [43_2017]
Foto: Niederaichbach, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Niederaichbach  → Am 31. Dezember 2022 ist Schluß – spätestens! 33 Jahre, 7 Monate und 21 Tage nach Inbetriebnahme wird der Druckwasserreaktor 'Isar 2' vom Netz gehen. Mit einer jährlichen Gesamtleistung von etwa 12 Milliarden Kilowattstunden ist das Atomkraftwerk in der Nähe von Landshut das leistungsstärkste in Deutschland, die Brennelemente erzeugen etwa 12 Prozent des in Bayern benötigten Stroms. Schon seit sechs Jahren stillgelegt ist 'Isar 1' – Anfang diesen Jahres der wurde Rückbau des Siedewasserreaktors vom bayerischen Staat genehmigt: veranschlagt sind dafür circa 15 Jahre und etwa eine Milliarde Euro. Wann allerdings die letzten Reste des zweiten Blockes abgebaut sind und die Spielvereinigung Niederaichbach ihre Wettkämpfe nicht mehr im Schatten des Kühlturmes bestreiten wird, ist ungewiss – vielleicht im Jahr 2050? [38_2017]
Foto: Anhalter Bahnhof, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Anhalter Bahnhof  → 1:2! Bei Spiel um Platz fünf bei der Fußballeuropameisterschaft unterliegt die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft gegen das türkische Team mit eins zu zwei Toren im Sechsmeterschießen. Mit dieser Niederlage verpasst das DFB-Team die Teilnahme an der WM 2018 in Madrid. Wo sich heute Fußballer*innen zu ihren Matches treffen, herrschte einhundert Jahre früher noch reger Bahnverkehr. Über einhundertdreißig Züge wurden damals tagtäglich am Anhalter Bahnhof abgefertigt – neben Leipzig, Frankfurt am Main und München verband das 'Tor zum Süden' die Hauptstadt mit vielen großen Metropolen: Wien, Budapest, Rom, Mailand, Athen und Istanbul waren nur einige Ziele auf dem Abfahrtsplan. Zerstört im Zweiten Weltkrieg steht heute lediglich das Eingangsportal am Askanischen Platz, auf dem lange Zeit brachliegende Bahngelände ist der Lilli-Hennoch-Sportplatz entstanden – und dahinter, das neue Tempodrom … [34_2017]
Foto: Friedrichsplatz, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Friedrichsplatz  → Am Anfang war das Fridericianum. Mehr als einhundert Künstler*innen be­tei­ligten sich 1955 an der ersten großen Ausstellung 'moderner Kunst in Westdeutsch­land' nach dem Zwei­ten Weltkrieg, der 'docu­menta 1'. Die Liste der in Kassel gezeigten Werke liest sich mittlerweile wie das 'who is who' der modernen Kunst: Max Beckmann, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Wilhelm Lehmbruck und Pablo Picasso – um nur einige zu nennen – zeigten ihre Arbeiten im Fridericianum am Friedrichsplatz. Heute, 62 Jahre und dreizehn Veranstaltungen später, hat sich die documenta weltweit längst zu einer der bedeutendsten Ausstellungen für moderne Kunst etabliert. Wie ein Netz spannen sich in diesem Jahr die 32 Veranstaltungsorte über die Stadt – die Werke der über 300 Künstler*innen sorgen noch immer für kontroverse Diskussionen über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Und der Friedrichsplatz ist nach wie vor Dreh- und Angelpunkt der Kunstschau. [33_2017]
Foto: Barby, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Barby  → Die Rundtour startet in Barby. 'Fahrrad mit Fahrer ein Euro fünfzig' steht auf der Tafel an der Elbfähre. Festverankert an einem langen Drahtseil in der Flussmitte gleitet die 'Fliegende Brücke' beinahe lautlos und ohne Motorantrieb von einem Ufer zum anderen. Durch Veränderung der Seillängen an Bug und Heck schiebt die Strömung des Wassers die Gierseilfähre über den Fluss und wieder zurück. Diese Technik reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert – und bis heute sind noch etliche Fähren diesen Typs an Elbe, Saale und auch an der Donau in Betrieb und werden nicht nur von technikbegeisterten Fahrradtourist*innen gerne genutzt. Diese aber fahren über Walternienburg und den Steckby-Lödderitzer Forst nach Tochheim und setzen dort ein zweites Mal über die Elbe. Die 'Drei-Fähren-Tour' führt die Radler*innen weiter nach Groß Rosenburg, wo die Saale-Fähre auf sie wartet. Nach insgesamt rund 25 Kilometer sieht man dann schon das Ziel vor Augen: die Marienkirche von Barby. [31_2017]
Foto: Ödhof, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Ödhof  → "Wenn ich zehntausend Stück vom 'K1' (einjährige Karpfen) rein tu", sagt der Ödhofbauer, "dann sind im nächsten Jahr nur noch zweitausend übrig – den Rest holt der Kormoran." All seine Versuche, die Zugvögel von seinen Weihern fernzuhalten sind bisher gescheitert. Die rapide Zunahme der Wasservögel und die milden Winter, die ein Zufrieren der Fischweiher verhindern, haben seinen Ertrag um 75 Prozent schrumpfen lassen. Seit Generationen schon wird auf dem Einödhof in der Nähe von Schwandorf in rund zwanzig Weihern der Oberpfälzer Spiegelkarpfen gezüchtet – doch wenn es so weitergeht, dann lohnt sich die Aufzucht für ihn nicht mehr, auch wenn die Nachfrage nach der regionalen Spezialität anhaltend hoch ist. Und schon lauert die nächste Gefahr: der Fischotter. "Ich selbst hab noch kein gsehn, aber der Nachbar hat letzte Woche einen bei sich im Schilf entdeckt – und der ist noch viel schlimmer als der Kormoran!" [28_2017]
Foto: Pallasstraße, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Potsdamer Ecke Pallasstraße  → "Hurra, Hurra – immer noch da!" – der Pumuckl grinst verschmitzt vom einem selbstgemalten Stofftransparent für die Kundgebung gegen eine Schließung der Jugendzentren 'Drugstore' und 'Potse' in Berlin Schöneberg. Vor der Bühne auf der gesperrten Pallasstraße lauschen vielleicht einhundert Menschen – vorwiegend aus der linken Szene – den harten Rhythmen der Berliner Band 'Not Amused'. In gebührlichem Abstand beobachtet die Polizei in voller Einsatzmontur das entspannte Treiben. Auf Stellwänden vor dem Haus informieren Plakate über die wechselvolle Geschichte der selbstverwalteten Jugendzentren, die nach fünfundvierzig Jahren ehrenamtlicher Jugendarbeit im Kiez zum Ende des Jahres die Pforten schließen sollen. Eine Online-Petition soll die geplante Mieterhöhung des Eigentümer für Räumlichkeiten verhindern – zweiunddreißig Unterschriften fehlen noch für das anvisierte Ziel von fünfhundert Unterstützer*innen … [24_2017]
Foto: Lutherstadt Wittenberg, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Lutherstadt Wittenberg  → Der Tag beginnt um vier Uhr dreißig mit der Sonnenaufgangsandacht: Klavier, Posaune, Perkussion und Vibrafon zum Aufstehen. Bis Mittag sind es dann mehr als einhunderttausend Gläubige, die in die Lutherstadt gereist sind: der sechsunddreißigste Deutsche Evangelische Kirchentag feiert zum Abschluss einen großen Festgottes­dienst unter freiem Himmel auf den Elbwiesen. Heute, einen Tag später prägen Aufräum- und Abbauarbeiten das Bild. Und Wittenberg versucht, die Atmosphäre des Wochenendes in der Stadt zu behalten, für das Lutherjahr '500 Jahre Reformation'. Die Lücken im Souvenirpavillon am Marktplatz sind wieder gefüllt, am Nachmittag ein Auftritt eines Handglockenchors aus Minnesota auf der Bühne und für 18:00 Uhr ist der 'Zentrale Abend­segen' angekündigt – nur die Kaffeelieferung lässt noch auf sich warten: "Espresso gibt's nicht – ham'se uns alles weggetrunken, am Wochenende." [22_2017]
Foto: Ludwig-Maximilians-Universität, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Ludwig-Maximilians-Universität  → 'Wer schweigt macht sich mitschuldig' – ein Stapel Flugblätter, eng mit Schreibmaschine beschrieben, flattert am Vormittag des 18. Februar 1943 von der Empore in den Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Darin ruft die studentische Widerstandsgruppe 'Die Weiße Rose' die deutsche Bevölkerung zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur auf. Die Student*innen Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Hans und Sophie Scholl sowie der Professor Kurt Huber werden kurz darauf verhaftet und vom Volksgerichtshof wegen 'landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung' zum Tode verurteilt. Hans Scholls letzte Worte vor der Hinrichtung waren: "Es lebe die Freiheit!" Noch heute gelten die Student*innen der 'Weißen Rose' als Vorbilder für Zivilcourage. In der Ludwig-Maximilians-Universität erinnert eine vor allem an junge Menschen gerichtete Ausstellung an die Widerstandsgruppe im Dritten Reich. [21_2017]
Foto: Flughafen Tegel, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Flughafen Tegel  → 14:25 Uhr Flug AF 1534 aus PARIS CDG – 14:30 Uhr Flug BA993 nach London LHR – 14:30 Uhr Flug RJ 122 nach Amman AMM – 14:30 Uhr Flug S7 895 aus Moskau – zwischen zwei und drei Uhr nachmittags ist's am ruhigsten: kaum mehr als zwanzig Starts und Landungen werden auf der großen Anzeigetafel im Terminal A aufgeführt. Zur Spitzenzeit zwischen acht und neun Uhr morgens sind es mehr als doppelt so viele Maschinen. Aufs Jahr gerechnet ergibt das über 185.000 Flugzeuge, die über dicht bewohnten Stadtbezirken mit Schulen und Krankenhäusern starten oder landen. Da die Lärmbelastung für die betroffenen Anwohner*innen weit höher ausfällt als gesetzlich zugelassen, ist der Flugbetrieb lediglich durch eine Ausnahmeregelung gewährleistet. Spätestens 2019 soll die Frist für die 'Lex Tegel' auslaufen und der Flugverkehr der Hauptstadt dann ausschließlich über den neuen Flughafen BER stattfinden. Mit mehr als 200.000 Unterschriften erwirkte der Verein 'Tegel bleibt offen' jetzt einen Volksentscheidung zum Weiterbetrieb des 1968 eröffneten Verkehrsflughafen über das Jahr 2019 hinaus. [18_2017]
Foto: Karl-Marx-Allee, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Karl-Marx-Allee  → "Das Ziel des Städtebaues ist die harmonische Befriedigung des menschlichen Anspruchs auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung." so beginnt der zweite der sechzehn Grundsätze, die in den 1950er Jahren das Leitbild für Architektur und Städtepla­nung in der DDR formulierten. Vorbildfunktion für die gesamte Republik sollte die Bebauung an der damaligen Stalinallee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor übernehmen. Stilistisch orientierte man sich beim 'Nationalen Aufbauprogramm Berlins' am Sozialistischen Klassizismus der Sowjetunion, der wegen seiner dekorativen Fassadengestaltung im Volksmund auch 'Zuckerbäckerstil' genannt wird. Im Hausdurchgang Karl-Marx-Allee 112 – 114 erinnert eine mittlerweile mehrfach ausgebesserte Gedenktafel an die Grundsteinlegung des ersten Blocks im Februar 1952 durch den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Damals wie heute sind die Wohnungen in den 'Arbeiterpalästen' heiß begehrt – und immer noch findet man den Häusern den ein oder anderen Erstmieter … [16_2017]
Foto: Brückenrasthaus Frankenwald, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Brückenrasthaus Frankenwald  → Stadtautobahn – Avus – Berliner Ring: für die ersten fünfzig Kilo­meter kann man an manchen Tagen schon mal eine Stunde oder länger einkalkulieren. Nach dem Abzweig auf die A9 läuft es dann meist flüssig und dreispurig Richtung Süden. Berlin – München, 600 Kilometer, sechs Stunden. Gleich nachdem der Freistaat Bayern die Autoreisenden auf einem großen Schild begrüßt hat, ist Zeit für eine kurze Pause: Brückenrasthaus Frankenwald. Mit dem gläsernen Lift geht es nach oben. Heute, an einem Werktag herrscht übersichtlicher Nachmittagsbetrieb, lediglich die Tische am Fenster sind alle besetzt. Und während man hier oben Kaffee trinkt, Burger isst, sich unterhält, Mails checkt, in den sozialen Netzwerken unterwegs ist oder einfach nur die einzigaritge Aussicht genießt, rauschen zehn Meter tiefer auf der Autobahn LKWs und Busse, Autos und Motorräder ihrem Ziel entgegen. Nach einer halben Stunde Schauen und Staunen geht es weiter: bis München sind es schließlich noch 300 Kilometer … [12_2017]
Foto: Brauneck Bergbahn, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Brauneck  → Langsam gleitet die Gondel in Zeitlupentempo heran. Wie von Geisterhand öffnen sich die Türen, man nimmt Platz auf den mit Teppich überzogenen Sitzbänken. Die Kabine schließt sich, wird um das riesige Umlaufrad in der Talstation herumgeschwenkt, beschleunigt abrupt mit einem kräftigen Ruck und nimmt Fahrt auf Richtung Gipfel. Zehn Stützen und zwei Kuppengerüste werden benötigt für die Strecke von rund 2.500 Meter bis zur Bergstation, 800 Höhenmeter werden überwunden. Das dauert heute kaum länger als zwölf Minuten. Als die 'Zweiseil-Umlaufbahn' in den 1960er Jahren eröffnete, waren die Skier noch aus Holz, die Stöcke aus Bambus, die Stiefel aus Leder und Skifahren entwickelte sich gerade zum Breitensport. Mittlerweile sitzen neben Wintersportler*innen auch Drachen- und Gleitschirmflieger*innen sowie Bergwander*innen in den mattglänzenden 4er-Gondeln. Dieses Jahr feiert die Brauneck-Bergbahn Geburtstag: "Alles Gute zum Sechzigsten!" [09_2017]
Foto: Eroeffnung Berlinale, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Potsdamer Platz  → Roter Teppich: Maggie Gyllenhaal, Wim Wenders, Nora von Waldstätten, Lavinia Wilson, Etienne Comar, Maria Dragus, Diego Luna, Corinna Harfouch, Wang Quan'an, Hannah Herzsprung, Christiane Paul, Senta Berger, Dora Bouchoucha Fourati, Claudia Roth, Heike Makatsch, Jerome Boateng, Julia Jentsch, Kai Pflaume, Ai Weiwei, Iris Berben, Wotan Wilke Möhring, Cosima Lohse, Toni Garrn, Michael Müller, Cécile de France, Bim Bam Merstein, Reda Kateb, Jan Hendrik Stahlberg, Emilia Schüle, Sibel Kekilli, Roland Zehrfeld, Sandra Hüller, Hari Nef, Tom Schilling, Lilith Stangenberg, Paul Verhoeven, Clotilde Courau, Clemens Schick, Ulrich Matthes, Monika Grütters, Tom Tykwer, Olafur Eliasson … diese und viele andere begrüßte Dieter Kosslick – wie gewohnt mit schwarzem Hut und rotem Schal – bei der Eröffnung der diesjährigen Berlinale. [06_2017]
Foto: Nils Bluethgen, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Leonor-Michaelis-Haus  → Parkplätze sind Mangelware, Stellplätze direkt vor dem Eingang gibt es lediglich für Fahrräder. Versteckt zwischen Invaliden- und Luisenstraße erstreckt sich der parkartige Campus Nord: ein 'Ort für Lebenswissenschaften', wie das Areal neben dem Charité-Hochhaus auf der website der Humboldt Universität zu Berlin genannt wird. Das Gebäude achtzehn beherbergt neben einem renovierungsbedürftigen Hörsaal aus dem letzten Jahrhundert verschiedene Laboratorien für Forschungsgruppen des 'IRI Life Sciences'. Wo früher Leonor Michaelis zusammen mit Maud Menten die Theorie zur Enzymkinetik entwickelte, arbeitet heute Professor Doktor Nils Blüthgen mit seinem Team anhand von Computersimulationen an der Frage, wie das menschliche System auf Störungen reagiert: Bioinformatik zwischen Grundlagen- und kliniknaher Forschung, die vielleicht einmal dazu beiträgt, ein wirksames Medikament zur Bekämpfung von bösartigen Tumoren zu entwickeln. [04_2017]
Foto: Fischland, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Hohes Ufer / Fischland  → Unaufhörlich schiebt der Westwind seit Stunden die Wellen gegen die Steilküste. Die See versinkt in dunstigen Grautönen. Windstärke sieben, vielleicht acht, das Thermometer hängt bei knapp über Null. Der Weg am Strand nach Ahrenshoop ist heute kaum passierbar. Immer wieder wartet man auf scheinbar trockenem Terrain, bis das Wasser zurückläuft und kurzzeitig einen schmalen Pfad an der Steilküste freigibt. Wetterfest und warm eingepackt in Gummi, Daune und Kunstfaser stehen Männer einsam im Wasser. Mit Wattwürmern am Haken gehen sie auf Scholle, Flunder oder Dorsch. Die Wintermonate sind Laichzeit und so lassen sich die Schwarmtiere besonders gut angeln. An guten Tagen liegen schon manchmal einhundert Fische im Eimer, an schlechten geht man aber auch schon mit fünf Schollen wieder nach Hause. Mit rhythmischen Auf- und Ab-Bewegungen der Route holt der Angler die Schnur ein. Als der Köder endlich aus dem Wasser auftaucht, hängt eine kleine Flunder daran. Schnell ist der Haken aus dem Maul entfernt, der Fisch wieder zurückgeworfen in die Ostsee. "Nächstes Jahr, vielleicht wieder!" [01_2017]
Foto: Zugspitze, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Zugspitzplatt  → "Eigentlich müsste es hier einmal eine Woche schneien!" Wenig Schnee, keine Warte­zeiten auf Deutschlands höchstem Ski­gebiet. Lange muß man warten, um einen Mitfahrer*in für die 6er Sessel­bahn zum Wetter­wand­eck zu bekommen. "Anfang Dezember war ich schon mal hier", sagt eine junge männliche Stimme im Ruhr­pott-Akzent mit Ski­helm und verspiegelter Brille neben mir im Lift, "da war dort hinten nicht einmal offen." Heute, drei Wochen später ist die Piste zwar geöffnet, doch warnen Hinweis­schilder eindringlich vor Steinen. Die auf der Web­site des Ski­gebietes angekündigten ein Meter Alt­schnee lassen sich auf dem Schnee­ferner-Gletscher nur schwer finden. Ringsherum zeigt sich überall nackter Fels, auf dem präparierten Weiß der Pisten vereinzelte Winter­sportler­∗innen. Es ist ruhig. Als sich die Haube der Gondel nachmittags an der Berg­station auf 2.600 Meter sanft öffnet, fallen kleine zarte Schnee­flocken vom Himmel. Wir verabschieden uns: "Schöne Weihnachten!" [51_2016]
Foto: Striezelmarkt Dresden, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Striezelmarkt  → echt.original.sächsisch. Miniaturen aus Holz mit weihnachtlichen Motiven in einer Zündholzschachtel aus Seiffen. Plauener SpitzenSterne, im 3er Pack oder einzeln für den Tannenbaum oder die Fensterscheibe aus dem Vogtland. eine Tasse Glühwein aus der Oberlausitz. bunt gemischte Räucherkerzen, verpackt in Papiertütchen im Osterzgebirge. einen Weinpokal aus Freiberger Zinn. ein Räuchermännchen mit Zipfelmütze, Bart und Pfeife aus Hainichen. den Christstollen, im Karton verpackt mit dem Siegel des Schutzverbandes Dresdner Christstollen. Senf und Ketchup in 10 Kilo Plastikeimern aus Bautzen. Lohmener Speckbrot, frisch gebacken im Steinofen und noch warm serviert. Fellbambuschen in allen gängigen Schuhgrößen aus Laußnitz. große und kleine Bienenwachskerzen, gerollt oder gegossen aus Waldenburg. eine Flasche 'Elbling-Weißwein' von einem Weingut in der Nähe von Meissen. und. und. und. alles entdeckt zwischen all den Verkaufsständen auf dem 582. Striezel­markt in Dresden. [49_2016]
Foto: Fernsehturm Berlin, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Fernsehturm  → Am 4. Oktober 1957 startete 'Sputnik 1' vom sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur ins All. Der kugelförmige, mit einem Funksender ausgestattete Satellit sendete 92 Tage lang piepsende Signale aus, die in aller Welt empfangen werden konnten. Diese erfolgreiche Mission markierte den Beginn der Raumfahrt und führte zu einem über Jahrzehnte währenden Wettstreit zwischen der UdSSR und den USA um die Vorherrschaft im Weltraum. Zwölf Jahre später wurde am Alexanderplatz der 'Fernseh- und UKW-Turm Berlin' fertiggestellt und feierlich eingeweiht. Der Turmkopf aus glänzendem Stahl war zu seiner Zeit ein absolutes Novum und erinnerte mit seiner Sputnik-Ikonografie an die sowjetischen Erfolge in der Raumfahrt. Aus dem politischen Symbol der Deutschen Demokratischen Republik ist längst ein Wahrzeichen der wiedervereinigten Stadt geworden und gehört mittler­weile zu den zehn beliebtesten Sehenswürdigkeiten des Landes. An klaren Tagen reicht die Sicht von der Aussichtsplattform in 200 Metern Höhe rund 70 Kilometer, an anderen Tagen erkennt man kaum die Menschen auf dem Alexanderplatz … [46_2016]
Foto: Moedlareuth, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Mödlareuth  → Die Reise in die Vergangenheit kostet zwei Euro. Als Legitimation zum Betreten des Grenzstreifens dient ein zweifarbiger Stempelabdruck, einem Passierstempel der DDR-Grenztruppen nachempfunden. Fünfzig Menschen leben heute etwa in Mödlareuth, der schmale Tannbach trennt den bayerischen vom thüringischen Teil. Über vierzig Jahre verlief mitten durch den Ort die deutsch-deutsche Grenze: anfangs ein Stacheldrahtzaun, am Ende eine 700 Meter lange und 3,30 Meter hohe Betonsperrmauer mit Kontrollstreifen, Sicherungszaun, Lichttrasse und Beobachtungsturm. Vieles davon ist 27 Jahre nach Fall der Mauer noch originalgetreu erhalten; zu besichtigen und zu erleben im 'Museum zur Geschichte der deutschen Teilung'. Die Zeit des Kalten Krieges prägt die Ortschaft noch heute: rund 70.000 Besucher*innen zählt das Dorf wenige Kilometer von der A9 entfernt jährlich, am Dorfteich erinnert eine Gedenktafel des bayerischen Ministerpräsidenten an die Verdienste Helmut Kohls bei der Deutschen Einheit, das Gasthaus trägt den Namen 'Zum Grenzgänger' und der Souvenirladen verkauft Schlüsselanhänger mit dem Aufdruck 'Little Berlin Mödlareuth'. [44_2016]
Foto: Eisbach, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Eisbach  → Die ersten kommen schon kurz nach Sonnenaufgang im Neoprenanzug und ihrem Brett unterm Arm in den Englischen Garten, um sich vor der Arbeit noch einmal an der 'Welle' zu messen. Am Vormittag stehen die Zuschauer bei schönem Wetter dann bald dicht gedrängt auf der Eisbachbrücke in der Prinzregentenstraße und verfolgen gebannt die Auftritte der Akteure: vierzig Jahre sind mittlerweile vergangen seitdem sich der erste Surfer mit einem Board in die Fluten stürzte, um diese künstlich erzeugte, stehende Welle zu reiten – heute ist der Eisbach in der Szene ein absoluter 'Hot Spot', an dem sich – selbst im Winter – Surfbegeisterte aus aller Welt treffen. Die Show dauert oft nur ein paar Sekunden; länger als eine halbe Minute können sich die Wenigsten auf ihrem Brett halten, bevor sie von den Wassermassen verschlungen und stromabwärts in ruhigeren Gewässern wieder ausgespuckt werden. Und immer noch stehen einige Surfer der ersten Stunde zwischen den Jungen auf dem selbstgebauten Holzpodest und warten auf ihren Sprung in den reißenden Bach … [41_2016]
Foto: Europacenter, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Europacenter  → Nach 34 Sekunden öffnet sich die Aufzugstüre zu einem der spektakulärsten Aussichten über Berlin: in gerade einmal achtzig Metern Höhe schweift der Blick von der Gedächtniskirche und den beiden neuen Hochhäusern am Zoo über den Tiergarten und der Siegessäule weiter zur Charite und dem Fernsehturm im Osten – Potsdamer Platz, Kreuzberg, das Gasometer in Schöneberg und weiter bis zum Teufelsberg im Westen der Stadt. Der Breitscheidplatz wurde schnell nach der Errichtung des Europacenters im Jahre 1965 zum Zentrum Westberlins und zu einem Wahrzeichen in der geteilten Stadt. Viel hat sich in der Stadt seitdem verändert. Mehrfach wurde das markante Gebäude renoviert und unter Denkmalschutz gestellt, die Mieter haben gewechselt, eine Eislaufbahn und das Kino sind mittlerweile geschlossen. Eines ist jedoch seither geblieben: auf dem Dach des Büroturms dreht sich – tagein, tagaus und weithin sichtbar – ein zehn Meter hoher Mercedesstern … [40_2016]
Foto: Hirschgarten, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Hirschgarten  → Ein Biergartenbesuch. Wer sich auskennt, holt sich gleich den Maßkrug aus dem Regal ums Eck, spült ihn unter fließendem Wasser kalt aus und stellt sich dann erst an der 'Schänke' an. Die Maß Augustiner Hell kostet sechs Euro neunzig, fürs 'Radler' schenkt man selbst die Menge Zitronenlimo in den Krug. Mit dem vollem Bierkrug in der Hand geht es vorbei an dem Schild 'Nicht genügend gefüllte Krüge nachfüllen lassen' weiter zu den Holzständen mit den Speisen. Das reichhaltige Angebot macht die Entscheidung nicht gerade leicht: Wurstsalat, Schweinshaxn, Radieserl oder Schnittlauchbrot. Manche Gäste bringen ihre Brotzeit auch selbst mit – dies ist, wie eine große Tafel versichert, bayerisches Brauchtum. Auch der Hirschgartenwirt hat sich dieser Tradition verpflichtet, die weiter besagt, daß alle Getränke ausschließlich beim Wirt gekauft werden müssen. Mit dem Bier in der einen und einer Leberkässemmel in der anderen Hand geht es auf die Suche einem schönen Platz. In dem großen Biergarten in München-Laim sind jetzt am späten Nachmittag nur noch einige Tische im Schatten unter den alten Eichen frei. Prost! [37_2016]
Foto: Olympiastadion, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Berliner Olympiastadion  → Zigmal hat der Stabhochspringer die Höhe im Training schon erfolgreich übersprungen – nun aber geht es um alles: Hochkonzentriert und mit geschlossenen Augen geht er den Bewegungsablauf noch einmal durch: Stab anheben, Körpergewicht leicht nach hinten verlagern und dann auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen – den Stab im richtigen Winkel in den Einstichkasten stoßen, sich mit den Beinen voraus nach oben katapultieren, Stab loslassen und mit einer Körperdrehung über die Latte rollen. Fertig. Jetzt öffnet er die Augen, hebt die Arme und fordert klatschend die Unterstützung des Publikums ein. Mit der rhythmischen Anfeuerung der knapp fünfzigtausend Zuschauer im Rücken beginnt er seinen dritten und letzten Versuch … Als Austragungsort für die XI. Olympischen Sommer­spiele 1936 erbaut, finden heute im Berliner Olympiastadion neben Fußballspielen und Konzerten auch zahlreiche Sportveranstaltungen statt, wie etwa das 'Internationale Stadionfest Berlin' (ISTAF). Bei der 75sten Auflage dieses hochkarätig besetzten Leichtathletik-Meetings gewann der Grieche Konstadinos Filippidis die Konkurrenz im Stabhochspringen mit fünf Metern zweiundsiebzig vor dem Brasilianer Thiago Braz da Silva. [35_2016]
Foto: Alte Pinakothek, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Alte Pinakothek  → Nackte Menschen in rosafarbener Haut, übergewichtig und mit schreckerfüllten Gesichtern stürzen ineinander verknäult und teilweise kopfüber in die Tiefe. Verstoßen aus dem Himmel taumeln die Leiber der Hölle zu, in der furchteinflössende Kreaturen feixend die Sünder erwarten. Gelb- und Rottöne beherrschen das um 1621 entstandene, monumentale Werk von Peter Paul Rubens, in dem die Farbflächen beinahe abstrakt ineinander übergehen. Eingefasst in einen üppigen Goldrahmen zählt 'Der Höllensturz der Verdammten' zu den Hauptwerken der Flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Zu sehen ist das Meisterwerk in den Räumen der Alten Pinakothek in München, dessen Sammlung Gemälde berühmter Maler vom Mittelalter über die Renaissance und das Barock bis zum Rokoko beherbergt. Aktuell wird das 1836 eröffnete Kunstmuseum in der Maxvorstadt saniert, sodass im Moment nicht alle Säle zu besichtigen sind. Geöffnet ist das Haus täglich ausser Montags von 10:00 bis 18:00 Uhr, das reguläre Eintrittsticket kostet vier Euro. [34_2016]
Foto: Zingst, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Zingst  → 'Wasser neunzehn, Luft fünfundzwanzig Grad' steht mit Kreide auf der Tafel neben dem Turm der Wasserwacht. Die Sonne scheint, blauer Himmel, eine leichte Brise bringt etwas Abkühlung vom Wasser her. Gegen zehn, halb elf, nach einem ausgiebigen Frühstück reißt der Strom der Ostseeurlauber*innen, der heute zum Strand zieht kaum mehr ab. Im Gepäck Decken und Handtücher, Sonnencreme und Windschutz, Proviant und Getränke, Plastikschaufel und Sandförmchen. August ist Hochsaison auf dem Darß: Hotels und Pensionen beinahe komplett ausgebucht, Ferienapartments belegt. Drei Wochen Ostsee im Sommer – für viele schon seit Jahren garantierte Erholung. Die meisten auf dem hellen Sandstrand vor Zingst lesen, schlafen oder sonnen sich, manche bauen Sandburgen oder spielen Volleyball, einige stehen hüfthoch im Wasser, erfrischen sich oder werfen Frisbeescheiben. Weit hinaus schwimmen nur wenige, die angezeigten neunzehn Grad Wassertemperatur scheinen wohl doch etwas zu optimistisch zu sein … [32_2016]
Foto: Landsberg am Lech, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Landsberg am Lech  → Kalt ist er, der Lech: die Wassertemperatur im Sommer beträgt gerade mal vierzehn Grad, im Winter liegt sie knapp über dem Gefrierpunkt. Doch das kalte Wasser, der hohe Anteil an Mineralien und die geringen Mengen an Feinstsedimenten lassen den Lech im wahrsten Sinne des Wortes leuchten: alle Farbnuanchen von glasklar über grünblau bis smaragdgrün sind auf seinem 264 km langen Weg von der Quelle in Vorarlberg bis zu seiner Mündung in die Donau zu sehen. Insgesamt 1.448 Höhenmeter lässt der Fluss hinter sich, immer wieder aufgestaut und unterbrochen von Stauseen und Kraftwerken. Schon seit über einhundert Jahren wird der Lech intensiv zur Energiegewinnung genutzt; die mittlerweile dreißig Wasserkraftwerke leisten mit einer Gesamt;menge von drei bis vier Milliarden Kilowattstunden pro Jahr einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Die Wasserqualität des Lechs ist nach Angabe des Wasserwirtschaftsamtes gut bis sehr gut: 'Baden erlaubt', doch nur wenige wagen sich ohne Neoprenanzug in die kalten Fluten … [31_2016]
Foto: Studentendorf Schlachtensee, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Studentendorf Schlachtensee  → Gerade feiern sie Bergfest. Vierzehn der insgesamt 28 Häuser im Studentendorf Schlachtensee sind schon renoviert. In acht Jahren, zwanzigvierundzwanzig, sollen alle Gebäude des 'Nationalen Kultur­denkmals' in Berlin-Zehlendorf saniert und energetisch auf den neuesten Stand gebracht werden. Neunhundert Studierende aus aller Welt werden dann wieder in kleinen und großen Wohngemein­schaften, Einzelapartments und ZweiraumWohnungen leben. Das architektonische Konzept ist einfach: anthrazitgrau bedeutet Küche, Bad, Gemeinschaftsräume – weiss die Privatzimmer der Studenten, erklärt einer der Hausmeister. Seine Verbindung zum Studentendorf begann als Besucher des 'Club A18' – heute, zwanzig Jahre später kümmert er sich um Müllentsorgung, kleine Reparaturen und Freiflächen – und nebenbei dokumentiert er mit seiner seiner Kamera die einzelnen Zimmer der Wohnanlage - rund achthundert Aufnahmen werden es wohl mal werden … [30_2016]
Foto: Schloss Herrenchiemsee, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Schloss Herrenchiemsee  → Höhepunkt einer jeden Führung auf Schloss Herrenchiemsee ist der Spiegelsaal König Ludwigs des Zweiten: mit 75 Meter übertrifft der Raum sogar das Vorbild in Versailles um zwei Meter. In den siebzehn großen Spiegeln reflektiert das hereinfallende Tageslicht und bricht sich in den 33 Lüstern an der Decke und den 44 Kandelabern im Raum. Dort, wo tagsüber 'Aaahs' und 'Oahs' in deutscher, französischer, englischer und japanischer Sprache zu hören sind zieht abends im Schloss der Dornrößchen­schlaf ein – Tag für Tag, bis auf zwei Wochen im Juli. Während der Herrenchiemsee–Fest­spiele erfüllen die Klänge von Violinen, Bratschen, Flöten, Klarinetten, Trompeten und Pauken die abendliche Stille im Schloss. "Ich liebe diesen außergewöhnlichen Ort, ich komme immer sehr gerne hierher" sagt Philippe Herreweghe, der gerade Bruckners Sechste in der Spiegelgalerie dirigiert hat. Zusammen mit den Musikern des Orchestre des Champs-Elysée und dem festlichen Konzert-Publikum sitzt er auf dem Oberdeck des Ausflugsdampfers, der ihn durch eine laue Sommer­nacht zurück nach Prien bringt – in der Hand ein kühles Bier. [29_2016]
Foto: Victoriastadt, © Andreas [FranzXaver] Süß
.Victoriastadt  → 'Eis des Tages: CheeseCake' – die Kita 'Großstadt­indianer' hat noch einen Platz zu vergeben – ein neuer Breakdance-Kurs für Kinder startet Anfang nächsten Monats: so die aktuellen Aushänge in der Fensterscheibe der 'SchokoladenEis­ Manufaktur' in der Kaskelstraße, die sich quer durch die 'Victoriastadt' zieht. Die Fassaden der Gründerzeithäuser in Berlin-Lichtenberg sind heute beinahe komplett saniert, die wenigen Baulücken mit moderner WohnhausArchitektur fast vollständig geschlossen. In der ehemaligen Arbeitersiedlung leben heute knapp viertausend Menschen: junge Familien, Student*innen, Kreative und Handwerkersbetriebe haben hier im ein Zuhause gefunden. Nachmittags wird es lebendig im 'Kaskelkiez': Kinderwagen parken vor dem Bioladen, Nachbarn sitzen in der Sonne auf den Eingangsstufen, Fahrräder mit Kindersitzen holpern übers Kopfsteinpfaster … und die Schlange vor der Eisdiele wird länger und länger. Eine Kugel 'frisches Eis' kostet ein Euro zehn. [27_2016]